Autor Thema: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts  (Gelesen 4820 mal)

Lilly Rush

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Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« am: 27 Mai 2012, 15:22:24 »
Bin über diesen interessanten Artikel aus dem Spiegel 10/2001 gestolpert.
Auf der Internetseite findet sich auch eine informative Grafik über verschwundene Kinder in Deutschland.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-18649370.html

Spuren ins Nichts

Von Bayer, Wolfgang; Repke, Irina; Röbel, Sven; Stoldt, Hans-Ulrich; Wensierski, Peter

Wenn ein Kind wie die zwölfjährige Ulrike aus Eberswalde plötzlich verschwindet, beginnt für die Eltern ein Martyrium, aus dem es mitunter über Jahre kein Entrinnen gibt. Fortan bestimmen Wunschdenken, Verzweiflung und Selbstvorwürfe das Leben.

Das Mädchenfahrrad der Marke "Adventure Series" lag am Wegesrand gegenüber der Kapelle des alten Finower Friedhofs. Der Lenker war leicht verbogen, der linke Gabelarm hatte kaum erkennbare Riefen. An der vorderen Radmutter hafteten winzige Partikel eines weißen Autolacks auf Alkydharzbasis.

Wie eine Zuckerschicht bedeckte frisch gefallener Schnee die Katzenaugen, die kleine Werkzeugtasche am Kindersattel und auch den Aufkleber auf dem vorderen Schutzblech des 21-Gang-Mountainbikes: Die Prüfplakette des "Brandenburger Fahrrad-TÜV" belegte, dass die Besitzerin des Rads in der vierten Klasse erfolgreich eine Prüfung für Sicherheit im Straßenverkehr abgelegt hatte.

Kerstin Brandt fand das Rad 400 Meter von ihrem Wohnhaus entfernt. Da war es abends halb neun, und der Waldweg, der am Ortsende von Finow in die Landesstraße 293 mündet, lag menschenleer in der Dunkelheit. Von ihrer zwölfjährigen Tochter Ulrike fehlte zu diesem Zeitpunkt bereits seit Stunden jede Spur.

Was erst auf einen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht schließen ließ, beschäftigte in der vergangenen Woche die Republik. Bis zum Samstagmorgen blieb Ulrikes Schicksal ungeklärt. Sicher schien nur, dass das Mädchen von einem Mann entführt worden war. Und so wurde das verschneite Kinderfahrrad zum Symbol des blanken, ungehemmten Schreckens, der immer dann ins Bewusstsein zurückkehrt, wenn ein Kind verschwindet.

Ulrike - ein herzliches, couragiertes, fröhliches Mädchen, dessen Vita und Elternhaus in krassem Widerspruch zum Klischee eines typischen Opfers stehen.

Sie ist eine gute Schülerin, hat viele Freunde und schwärmt für die Popgruppe No Angels. In Mathe hat sie eine Drei, es ist die schlechteste Note in ihrem Zeugnis. Beim Malwettbewerb zum Thema "Ich mag meine Stadt ohne Gewalt" hat sie einen Preis gewonnen, erzählt die Klassenlehrerin Marlies Eitz, im Handballteam ist sie beliebt wie bei den Nachbarn - Ulrike gilt als "die kleine Schwester von nebenan".

Um 15.20 Uhr war der 22. Februar noch ein ganz normaler Donnerstag und die Familie Brandt noch eine ganz normale Familie. Die Zwölfjährige hatte nach der Schule zunächst zu Mittag gegessen und anschließend ihre graugelbe Sporttasche für das wöchentliche Handballtraining ihres Vereins Stahl Finow in der Sporthalle Am Heidewald gepackt. Das 1,50 Meter große Mädchen mit Sommersprossen auf der Nase trägt an diesem Nachmittag einen schwarzen Anorak, lila Turnschuhe und eine Kette aus braunen und blauen Holzperlen.

Von Ulrikes Wohnhaus bis zum Sportzentrum sind es gerade mal 1,3 Kilometer Fahrt, vielleicht sechs Minuten mit dem Rad. Die Straße Zum Samithsee ist verkehrsberuhigt, das Wetter war klar, und ein Nachbar führte seinen Hund spazieren.

Ein sonniger Nachmittag in der kleinen, leisen Vorstadtwelt von Finow, irgendwo hinterm Speckgürtel Berlins, mit ihren frisch getünchten Einfamilienhäusern, dem verfallenen Plattenbau und viel Natur vor der Tür. Finow gehört zur "Waldstadt Eberswalde", wie es stolz auf den gelben Ortsschildern heißt - man ist weit weg von Lärm und Dreck und der Großstadt, die eine Kindheit vergiften kann.

Ulrike radelt los. Vorbei an den alten Bahngleisen, der Friedhofsmauer, an märkischen Kiefern. Wenn die Vorabendserien im Fernsehen beginnen, will sie längst wieder daheim sein.

Abends schlägt das Wetter um, und mit der Dämmerung ziehen Schneewolken auf. Und plötzlich ist der 22. Februar kein normaler Donnerstag mehr, sondern der Anfang eines Alptraums.

Ulrike Brandt ist verschwunden - welche Katastrophen diese nüchterne Feststellung im Seelenleben der Betroffenen auslöst, wird meist erst viel später deutlich.

Die Zeit zwischen Hoffen und Bangen, sagt Gottfried Fischer, Leiter des Kölner Instituts für Psychotraumatologie, hinterlasse oft einen tiefen "Riss im seelischen Bindegewebe". Viele Eltern leiden jahrelang unter einem schleichenden Trauma, das keinen Abschluss findet und immer wieder durch Wunschdenken, Verzweiflung und Selbstvorwürfe genährt wird.

Am Jahresanfang wurden 2026 Mädchen und Jungen, davon knapp die Hälfte unter 14 Jahre, in der Vermisstendatei des Bundeskriminalamts (BKA) geführt. Freiwillig oder unfreiwillig haben sie ihr "gewohntes Lebensumfeld" verlassen und leben nun an einem "unbekannten Aufenthaltsort", wie ihr Status amtlich beschrieben wird. Da wird nicht unterschieden, ob die Kinder und Jugendlichen aus eigenem Antrieb abgehauen sind oder gegen ihren Willen verschleppt wurden.

Für die Reaktion der Eltern, hat der Marburger Traumatherapeut Georg Pieper in vielen Gesprächen mit Betroffenen erfahren, ist die Unterscheidung durchaus von Bedeutung. Verwaiste Eltern fühlten sich, egal ob Kinder weglaufen oder entführt würden, immer schuldig. Doch wenn Kinder wegen einer akuten familiären Druck-, Belastungs- oder Streitsituation das Haus verlassen, hätten die Eltern meist "konkrete Dinge, über die sie nachdenken - Probleme oder Fehler" (Seite 110).

Das sei bei Eltern von Kindern, die mutmaßlich Opfer eines Verbrechens wurden, ganz anders. Dann sei die Ratlosigkeit und Fassungslosigkeit viel größer, viel umfassender, lähmender: "Es gibt eben keinen Anhaltspunkt, nichts zum Festhalten."

Vor der Situation, dass ihr Kind verschwunden ist, stehen in Deutschland weit mehr Eltern, als die amtlichen Zahlen nahe legen. Denn die Dunkelziffer ist erheblich. Pro Jahr gehen bei allen Landeskriminalämtern etwa 30 000 Vermisstenmeldungen ein, der Kinderschutzbund geht bundesweit von 50 000 verschwundenen Kindern aus. Die meisten der Gesuchten tauchen irgendwann wieder auf, freiwillig oder weil sie von der Polizei aufgegriffen wurden.

Doch eine Garantie gibt es dafür nicht.

In der Datei "Unbekannte Tote, Vermisste, hilflose Personen" hat das BKA die Namen von über 300 Kindern und Jugendlichen gespeichert, die seit 1993 - dem Jahr der ersten gesamtdeutschen Nachkriegsstatistik - unter mysteriösen Umständen verschwunden sind.

Manche Mädchen und Jungen verschwanden ohne erkennbaren Anlass und ohne jede Spur. Sie gingen vertraute, hundertmal gemachte Wege zur Freundin, zu einem Geschäft oder den Großeltern - und waren plötzlich weg.

Für viele dieser Kinder gibt es kaum mehr Hoffnung. Denn die Zeit läuft gegen sie.

Die Erfahrung zeigt: Wenn ein Kind unter 14 Jahren verschwindet, zählen die ersten Tage. Danach sinken die Aussichten dramatisch, es unversehrt zu finden. Einige sind verunglückt, andere Opfer von Gewaltverbrechen. Bisweilen finden Spaziergänger im Wald zufällig von Tieren aufgewühlte menschliche Überreste. Manchmal geben geständige Sexualverbrecher der Polizei Ortsbeschreibungen.

Die Zeit bis zur Gewissheit, sagt der Psychologe Pieper, sei für die betroffenen Eltern "eine menschliche Extremsituation, die man sich schlimmer kaum vorstellen kann".

Jeder Versuch der Hilfe komme nur sehr bedingt an, die Eltern lebten wie in einer Dunstschicht. Die Psyche baue eine Schutzhülle auf, damit der Mensch die grausame Wirklichkeit überhaupt aushalten könne.

"Helfen kann einem keiner", hat auch Karin Wendt erfahren, deren neunjährige Tochter Sophia am 4. Januar auf dem Heimweg vom Hort zum Elternhaus in Berlin-Marzahn dem Sexualstraftäter Berto B. in die Hände fiel. Vier Tage hielt der Schlosser Sophia in seiner Wohnung gefangen, dann ließ er die Kleine vor einer Polizeiwache wieder frei.

Karin Wendt beschreibt die Tage und Nächte des Bangens so: "Das zerfrisst einen. Der Körper ist förmlich aufgespalten, es ist eine ungeheure Leere im Kopf. Wir haben, als diese Ungewissheit nagte, eigentlich nicht mehr gelebt."

In den ersten Nächten sind sie und ihr Mann André stundenlang durch die Straßen gelaufen, um die Tochter zu suchen: "Ich konnte nicht ins Bett, ich musste immer was tun. Wir haben die ganze Gegend abgesucht, haben gerufen - eigentlich vollkommen hilflos."

An die Angst vor der Dunkelheit erinnert sich auch Martina M., deren Tochter Bianka, damals zehn, schon 1997 für 30 Stunden Geisel von Berto B. gewesen war. An Schlaf sei "überhaupt nicht zu denken" gewesen. Die absonderlichsten Gedanken hätten sie gequält: "Wie gut, dass ich damals nicht wusste, wer der Täter ist und wo er wohnt. Ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte."

Immer wenn die Polizei abends die Suche nach Sophia eingestellt habe, sagt Karin Wendt, sei es "so fürchterlich gewesen". Die Anspannung in der Nacht sei kaum auszuhalten gewesen: "Solange man weiß, die Polizisten machen was und rackern, ist es besser."

An der Wand des Dienstzimmers der Sonderkommission "Finow" im Eberswalder Polizeipräsidium hängen Fotos, Vermerke, Wegskizzen, Zeitabläufe. Die Chronologie einer Vermisstensache.

Zuerst sind da die Spuren von weißem Autolack, wie ihn VW für seine älteren Modelle verwendete. Dann findet man einen brennenden weißen Polo, Baujahr 1990, am Stadtrand von Bernau. Sechs Tage später, nachts um ein Uhr, wird Ulrikes Mutter zur Kripo bestellt, weil man im verkohlten Autowrack eine Haarspange gefunden hat, eine rosa Blume mit Glitzerstein in der Mitte. "Ja, die gehört Ulrike", sagt die Mutter.

Am siebten Tag wird die ganze Stärke und die ganze Ohnmacht des Rechtsstaats sichtbar.

Längst haben die Bilder von Polizeihundertschaften, die mit langen Eisenstangen den Schnee durchstochern, die Tierseuchenberichte von den Titelseiten der Regionalzeitungen verdrängt. Wie einer psychologischen Choreografie aus Macht und Hilflosigkeit folgend, werden Bundeswehr-"Tornados" in den Himmel geschickt. Immer wieder jagen die mit Wärmebildkameras ausgerüsteten Jets im Tiefflug über das 50 Quadratkilometer große Zielgebiet, auf der Suche nach Lebenszeichen - oder nach frisch ausgehobenen Erdlöchern.

Als zusätzliche Taktik sollen dem Entführer Brücken gebaut werden. Immer wieder wird betont, dass man davon ausgeht, dass Ulrike noch lebt. Die Appelle der Öffentlichkeitsfahndung enthalten stets unverfängliche Wörter wie "Unfall", "Panikreaktion" und "Fahrerflucht". Oberstaatsanwalt Carlo Weber stellt dem Täter sogar Strafmilderung in Aussicht. "Es lohnt sich aufzugeben. Es wird Ihr Schaden nicht sein", sagt er öffentlich, "bitte kehren Sie um."

Die Suche nach Ulrike wird zum Psychokrieg. Polizeipsychologen werden eingeschaltet, die sich nach dem "Profiling"-Verfahren in den Entführer hineinzudenken versuchen. Sie wollen die Logik seiner Handlungen verstehen, um seine nächsten Schritte zu berechnen. Ist er intelligent? Verfügt er über Ortskenntnisse?

Am vergangenen Freitag konzentrierte sich die Suchaktion auf die Schauplätze Strausberg, Bernau und den Wald von Finow. Ein gedachtes Dreieck, das den schwammigen Theorien über Motiv, Täter und Tatablauf eine feste Geometrie überstülpen soll.

* In Strausberg, 30 Kilometer von Finow entfernt, wurde der weiße VW Polo (Kennzeichen B-HT 5662) am Donnerstag vorvergangener Woche gestohlen. Aber wer stiehlt einen zehn Jahre alten Polo? Fahrzeughalter Alexander M. hatte den Wagen um sieben Uhr in der Nähe des Bahnhofs abgestellt. Von dort war er irgendwann verschwunden. Hatte der Täter nach einem besonders unauffälligen Modell gesucht?

* Zwischen 15.30 und 16 Uhr am gleichen Tag gab es, so viel steht für die Polizei fest, in Finow eine Kollision zwischen Polo und Fahrrad. Ein absichtlich herbeigeführter Zusammenstoß? Oder ein Unfall mit anschließender, panischer Fahrerflucht, der in eine Entführung mündete?

* Beim Abfackeln des Autos auf einem Feldweg am nördlichen Stadtrand von Bernau ging der Täter ein hohes Risiko ein. Die Stelle ist sowohl von mehreren Wohnhäusern als auch von der stark frequentierten Bahnstrecke nach Stralsund einsehbar. Das brennende Auto wurde um 21 Uhr bemerkt und von der Feuerwehr gelöscht. Die Überreste des Polo wurden auf das Sicherstellungsgelände der Firma "Abschlepp Günther" in Blumberg gebracht. Welche Spuren sollten mit dem Feuer vernichtet werden? Fürchtete der Entführer, durch DNS- Anhaftungen verraten zu werden? Ulrikes Spange, ihre Tasche und die Trinkflasche jedenfalls ließ er im Wagen. Und: Flüchtete der Täter mit oder ohne Ulrike weiter?

Am Freitagmorgen hatten Experten der Luftwaffe die Wärmebilder der "Tornados" ausgewertet. 24 mögliche "frische Erdaushübe" wurden im märkischen Suchgebiet lokalisiert und auf topografische Karten übertragen.

Polizeihubschrauber flogen die Ziele an und führten die Suchmannschaften per Funk punktgenau durch das Kieferndickicht heran. Bis Freitagabend allerdings blieb die Aktion erfolglos, die Suchtrupps fanden nur Fuchsbauten, Wildlagerplätze und eine schon überprüfte Feuerstelle.

Zu diesem Zeitpunkt waren aus der Bevölkerung bereits 684 Hinweise eingegangen, darunter auch Tipps von Hellsehern und den üblichen Trittbrettfahrern, die von 56 000 Mark Belohnung angelockt wurden.

Nicht selten bleiben trotz jahrelanger intensiver Ermittlungen und aufwendiger Suchaktionen verzweifelter Angehöriger die Vermisstenfälle für immer ungeklärt. Manche Eltern kleben Flugblätter mit Fotos ihrer Kinder an Bäume und bitten deutsche Botschaften, im Ausland Plakate auszuhängen, die sie ein Vermögen gekostet haben. Andere ruinieren sich mit großformatigen Suchanzeigen in in- und ausländischen Tageszeitungen.

Als hilfreich bei der Suche hat sich auch schon das Internet erwiesen, seitdem die 1997 gegründete "Elterninitiative Vermisste Kinder" Fotos ins Netz stellt (www. vermisste-kinder.de).

Einige hoffen auf Hilfe von Experten der Fachhochschule in Villingen-Schwenningen. Dort versucht Polizeipsychologe Adolf Gallwitz, sich mit Computern ein aktuelles Bild von lange Vermissten zu machen. "Aging" heißt das aus den USA importierte Verfahren. Ein Foto des Kindes und alte Bilder von den Eltern im selben Lebensjahr dienen als Vorlage, sie werden digital verschmolzen und ergeben dann ein Bild, das bei der Suche helfen kann.

"In den USA gibt es erstaunlich gute Ergebnisse", sagt Gallwitz. Der Kriminologe bedauert, dass in Deutschland nicht alle Möglichkeiten genutzt werden, verschwundene Kinder zu suchen: "Die Hilfe von Sponsoren könnte sehr nützlich sein." Das hätten Erfahrungen in den USA längst bewiesen.

Vor knapp vier Jahren gab es auch in Deutschland einen Versuch: Finanziert von verschiedenen Firmen, ließ TV-Moderatorin Margarethe Schreinemakers für ihre Initiative "Wir helfen suchen" bundesweit Milch- und Brötchentüten bedrucken. In Tankstellen, Supermärkten und Gaststätten hingen die Steckbriefe aus.

Heute suchen die Eltern immer häufiger direkt die Öffentlichkeit, appellieren im Fernsehen an die Entführer, reden in Talkshows über ihre Kinder und sprechen ihnen Mut zu.

"Panikmache" nannte seinerzeit der Kinderschutzbund die Schreinemakers-Aktion, heute wird die TV-Präsenz von Nachbarn und Verwandten der Betroffenen oft als peinlich empfunden - oder den Eltern gar wegen vermeintlicher Honorare Geldgier unterstellt.

Auch die Brandts wandten sich über die Medien an den Entführer und ihre Tochter. Vater Detlef forderte den Täter auf: "Bitte, lassen Sie unser Kind frei. Setzen Sie Ulrike an einem Krankenhaus oder einer Bahnstation aus." Mutter Kerstin versprach ihrem Kind: "Wir sind bei dir und suchen so lange nach dir, bis wir dich gefunden haben. Halte durch!"

Es gelte in so einer Situation, sagt auch Karin Wendt, "alle Möglichkeiten auszunutzen". Dazu zähle auf jeden Fall der Weg in die Öffentlichkeit: "Wenn niemand was weiß, nimmt auch niemand was wahr. Presse und Öffentlichkeit beschleunigen die Suche, treiben auch die Polizei an." Im Fall ihrer Tochter Sophia habe das auch den Täter unter Druck gesetzt und "ihn bewogen, unsere Tochter wieder freizulassen".

Solche Aktionen, glaubt auch Psychologe Pieper, stabilisierten die Eltern meist. Sie könnten damit "Handlungskompetenz nachweisen, selbst etwas für das Kind zu tun".

Mitunter müssen auch die Ermittler mit ungewöhnlichen Methoden überzeugt werden. Als Monika Eser, deren Tochter Melanie, damals 13, am 16. Juni 1999 für ihre Mutter Zigaretten holen ging und nicht wiederkam, das Misstrauen der Polizeibeamten spürte, erklärte sie sich zu einem Test am Lügendetektor bereit.

"Beweiskraft haben dessen Ergebnisse nicht", sagt Dieter Bartz, Leiter des für den Fall Melanie zuständigen Kommissariats 11 bei der Kripo Wiesbaden, "aber Ermittlungshinweise sind das schon."

"Sechs Stunden haben sie mich dort durch die Mangel genommen", sagt Monika Eser, "es war fürchterlich."

Ergebnis des psychologischen Gutachtens: "Das Resultat spricht dafür, dass Frau Eser die verdachtsbezogenen Fragen wahrheitsgemäß verneint hat." Dem konnten sich die Männer vom K 11 in Wiesbaden nur anschließen. Für die Polizei war der Verdacht gegen die Mutter damit erledigt: "Sie weiß nichts und hat nichts damit zu tun." "Angehörige und Bekannte der Familien rücken immer schnell in Verdacht", sagt Kriminologe Gallwitz von der Polizeifachhochschule in Villingen-Schwenningen. "Da muss man sehr sensibel herangehen."

Dabei ist die Seelenlage ohnehin mehr als labil. Viele Eltern, weiß Psychologe Pieper aus Erfahrung, hätten gerade in den ersten Tagen "den Kopf voll mit Phantasien". Sie würden sich beispielsweise häufig vorstellen, "wie das ist, wenn das eigene Kind sexuell missbraucht wird".

"Es war, als hätte sich die Erde aufgetan", sagt Hannelore Seidel, 48, aus Kelkheim bei Frankfurt am Main, die ihre Tochter Annika seit dem 10. September 1996 vermisst. Annika, damals elf, hatte aus einer nahe gelegenen Tierhandlung Flohhalsbänder für ihren Hund Tabs holen wollen. Dort kam sie nie an.

Hannelore Seidel musste sich im 27 000 Einwohner zählenden Kelkheim gegen Getuschel wehren. Die allein erziehende Witwe habe Schuld, raunten Mitbürger. Alkohol, Männergeschichten - solche Dinge.

In ihrer Verzweiflung suchen Eltern oft auch nach ungewöhnlichen Wegen, um auf die Spur ihres Kindes zu kommen. Detektive werden eingespannt, wenn die Polizei nicht mehr weiterzuwissen scheint, und mitunter schlägt die Stunde der Wahrsager, Kartenleger und anderer Scharlatane. Manche bieten, durch Medienberichte aufmerksam geworden, ihre Hilfe mehr oder weniger aufdringlich an, andere werden fast flehentlich um Unterstützung gebeten.

So flog ein privater Fernsehsender im September 1997 im Fall Annika eine Hellseherin aus den USA ein, die auch für das FBI tätig ist. Stundenlang lief die Frau mit einem Foto des Mädchens durch Kelkheim und nahm Schwingungen auf. "Es war ein Triebtäter. Annika ist sein neuntes Opfer, sie ist tot", lautete ihre Diagnose. Auch über den Mörder wusste die Dame aus Pittsburgh Genaueres: "Er ist Osteuropäer, 30 Jahre alt, hat Verletzungen an den Händen. Er arbeitet mit Säuren, ist Hilfsarbeiter."

Die Mutter war schockiert, als die Hellseherin schließlich auf einer Karte einzeichnete, wo Annika verscharrt sein sollte. Polizeibeamte schlugen sich mit Leichensuchhunden durch das unwegsame Gelände. Sie fanden nichts.

Ähnlich erging es auch Karin Wendt. Bei ihr meldete sich ein Wünschelrutengänger, der behauptete, er wisse, wo Sophia sei. Die ganze Familie fuhr zu dem von ihm benannten Haus am Alexanderplatz "und hat wie blöde gesucht". Erfolglos natürlich, "aber man hat mal wieder für eine halbe Stunde eine Hoffnung gehabt und etwas Konkretes getan - darum macht man einfach so was Verrücktes mit".

Es sollte in den Tagen, in denen Sophia in der Hand des Serientäters Berto B. war, nicht der einzige Strohhalm bleiben. Weil Karin Wendt gerade ein Buch über die Aborigines gelesen hatte, in dem die Telepathiefähigkeiten der australischen Ureinwohner beschrieben worden waren, versuchte auch sie, "mit Sophia in Kontakt zu treten". Sie glaubte sogar, "ein Zeichen von ihr zurückzubekommen". Heute weiß sie: "Das war Einbildung, hat mir aber echt geholfen."

Bisweilen nimmt der Selbstbetrug bizarre Formen an. "Einen grausigen Hoffnungsmechanismus der Eltern" hat Kriminologe Gallwitz beobachtet: "Sie sagen lieber: ,Mein Kind ist im Bordell', als dass sie sagen: ,Mein Kind ist tot.'"

Die Phantasie wird dabei beflügelt von Berichten über den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux, der seine Opfer in Verliesen einsperrte, missbrauchte und verhungern ließ (Seite 106). Auch der Fall des Schülers Manuel Schadwald, der 1993 als Zwölfjähriger in Berlin entführt und Opfer eines niederländischen Porno-Rings geworden sein soll, beschäftigt die Eltern verschwundener Kinder. Dabei gebe es, sagt der Chef der BKA-Vermisstenstelle Bernd Roßbach, "keinen Hinweis darauf, dass jemals ein Kind aus Deutschland von Pädophilen-Banden verschleppt oder einem Porno-Ring zugeführt worden ist".

Irgendwann gelingt es den Eltern dann nicht mehr, die Seele zu überlisten. "Wenn ein Mensch stirbt, kann man ans Grab gehen und trauern - aber so?", sagt die Leipzigerin Rita Hertel. Ihre Enkelin Nadine, damals acht, verschwand am 9. Juni 1995 auf einer Geburtstagsfeier ihrer Tante. Alle Suchaktionen blieben erfolglos, lösten aber jedes Mal Panik in der Familie aus.

Die niemals nachlassende Spannung zermürbte alle. Vater Wolfgang ist inzwischen ein gebrochener, kranker Mann. Nadines Mutter ist jetzt neu verheiratet und hat sich eingeredet, ihre Tochter sei gut aufgehoben bei einem Ehepaar, das selbst keine Kinder haben kann.

Auch in Finow starb in der vergangenen Woche langsam die Hoffnung. Eine der 684 Spuren führte die Fahnder am Freitag zu einer alten Tierkadaverbeseitigungsanstalt in Albertshof. Die Feuerwehr pumpte Klärgruben und Sammelbecken aus, Polizeikräfte durchsuchten das Gelände. Gegen 17.05 Uhr wurde die Aktion zunächst eingestellt.

Ebenfalls erfolgslos blieb die Suche in den Schächten des "Bunkerplatzes Schönholz" zwischen Eberswalde und Bernau, einer alten russischen Militäranlage, die dem Entführer möglicherweise als Versteck gedient haben könnte.

Die Fahndungsaufrufe mit den Phantombildern des mutmaßlichen Täters, die in Schaufenstern, Tankstellen und Hotelportalen angeklebt worden waren, blieben hängen.

Offline Politicus1

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Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #1 am: 27 Mai 2012, 18:34:31 »
LR-SPIEGEL:
wiederholt habe ich angemerkt, dass bei Kindesentführungen mit sex. Missbrauch in der Regel - leider! - das Kind nicht am Leben bleibt, sondern der Täter...
seien wir also froh, dass es hier einmal umgekehrt gelaufen ist... - auch wenn es Verschwörungstheoretikern nicht zusammenreimt....

Lilly Rush

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Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #2 am: 27 Mai 2012, 21:50:38 »
Zitat
Dabei gebe es, sagt der Chef der BKA-Vermisstenstelle Bernd Roßbach, "keinen Hinweis darauf, dass jemals ein Kind aus Deutschland von Pädophilen-Banden verschleppt oder einem Porno-Ring zugeführt worden ist".

Weil von denen lebend keiner davon gekommen ist?

Offline Reichmann

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Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #3 am: 27 Mai 2012, 21:57:11 »
Zitat
Dabei gebe es, sagt der Chef der BKA-Vermisstenstelle Bernd Roßbach, "keinen Hinweis darauf, dass jemals ein Kind aus Deutschland von Pädophilen-Banden verschleppt oder einem Porno-Ring zugeführt worden ist".

Weil von denen lebend keiner davon gekommen ist?
... und weil man dieses Thema auch gar nicht wahrhaben will.

Der kleine Mann kann sich solche "Sexspielzeuge" auch gar nicht leisten, das ist elitären Gruppen vorbehalten. Das ist der wahre Grund, warum in solchen Fällen einfach alles vertuscht wird und Menschenleben keine Rolle spielen.

Ich will nicht schon wieder den Fall Dutroux aufwärmen, aber ...
Roland Reichmann
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Lilly Rush

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Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #4 am: 27 Mai 2012, 22:01:12 »
Es ist schon abgeschmackt, passt aber immer wieder:

... weil nicht sein kann was nicht sein darf ...

Offline Politicus1

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Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #5 am: 28 Mai 2012, 14:59:19 »
da fällt mir wieder ein...:
für mich ein starkes Indiz, dass WP Mitwisser oder eben sogar Mittäter hatte:
wäre er ein alleiniger Einzeltäter und Einzelwisser gewesen, dann hätte das Opfer, wenn es für WP kritisch wurde (z.B. durch durch eine für ihn gefährliche Selbstbestimmheit und schließlich durch eine drohende Selbstbefreiung) keine Überlebenschance gehabt - und er würde heute noch ohne Selbsttötung unter uns sein.
Mitwisser waren mMn. die Schutzengel, die NK am Leben ließen.

Lilly Rush

  • Gast
Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #6 am: 28 Mai 2012, 15:20:27 »
Ein möglicher Grund warum Natascha überlebt hat, war der Auftrag oder das Dulden des Verschwindens durch eine Vertrauensperson (Verwandte?). Natascha war Gast bei Priklopil, sie durfte anscheinend in einem eigenen Zimmer schlafen und war nicht gezwungen bei Priklopil im Doppelbett angekettet zu bleiben.
Die ursprüngliche Vereinbarung musste ein Wiederbringen beinhalten. Ob damals der Zeitraum so lange angedacht war wie er schlussendlich wurde, ist fraglich.

Für einen Triebtäter oder Sadisten verhielt sich Priklopil äußerst merkwürdig.
Allein die Fürsorge die er seinem "Opfer" zuteil werden ließ:

All die Bücher, Heftln, Lexika, Kochbücher, Kindercomputer mit Drucker, elektronischen Organizer, Englisch Translator, Schminkzeug, zahlreiche Bastel- und Forschersets (Parfum - Bastelset), das große Barbiehaus, Einrichtung für Puppenhaus, mehrere Barbies, ein Gameboy Color samt Spielen.

Ah ja und wofür ein "Opfer", das laut preisgekrönter Biografie niemals Unterhosen tragen durfte, im Haus/Koffer etc. mehrere Unterhosen/Jeans Leggins etc. hatte verstehe ich einfach nicht.

gEnom

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Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #7 am: 28 Mai 2012, 18:16:22 »
Vielleicht war es ja nicht nur stille "Duldung", sondern sogar noch etwas mehr, wer weiß. Ständiger Ärger mit dem Nachwuchs und finanzielle Not könnten bei entsprechenden Kontakten durchaus zu  der einen oder anderen  fragwürdigen Entscheidungen führen. Weshalb wurde Adamovich von der Tochter des viel kritisierten und ursprünglich mit der Causa Kampusch befassten Oberstaatsanwaltes als zuständiger Richterin  (so ein Zufall aber auch)  nochmals schnell verurteilt?
Weil er zuvor einen Satz mit dem Inhalt, dass es der Kampusch als Mädchen bei P. oder anderswo allemal besser gegangen sein könnte als zu Hause,  im KONJUNKTIV formuliert hatte. Beweise  für die Richtigkeit seiner Vermutung durfte er bekanntlich weder bei der erstinstanzlichen Verurteilung noch beim zweit- und letztinstanzlichen Freispruch vorlegen.

Offline Politicus1

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Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #8 am: 28 Mai 2012, 19:08:53 »
LR:
da sind wir uns ja einig, dass zumindest Mitwisser stark indiziert sind...
Zur Länge: das Erreichen des 18. Lebensjahres war - wenn man Ihrer Mutmassung folgt - das entcheidende Datum.
Vorher hätte es MÖGLICHERWEISE eine Aktivität des Jugendamtes (Heim) gegeben.
Sie schreibt ja selbst, dass sie immer ihren 18. Geb.Tag anvisierte. Sie wusste also sehr wohl, was vorher geschehen würde.

Lilly Rush

  • Gast
Re: Der Spiegel 10/2001 Spuren ins Nichts
« Antwort #9 am: 28 Mai 2012, 19:23:07 »
Mitwisser auf jeden Fall. Kommt drauf an wie man das definiert.

Mitwisser bloß, dass Priklopil sie alleine entführt hat. - Mitwisser nach der Entführung

Mitwisser in dem man schon vor der Entführung weiß, dass sie passieren wird.

Ja 18 war ein entscheidendes Datum. Davor war die "Fluchtgefahr" gering.
Danach musste sie scheinbar jeden Tag ein Versprechen abgeben nicht zu fliehen.

Nur: Einem echten Entführer, der grausam zu mir war und mich jahrelang gegen meinen Willen festhielt - da muss ich kein Versprechen halten.
Allerdings jemandem ein Versprechen geben, der auf mich aufpasst und mich bis zum 18. Lebensjahr vor dem "Heim" bewahrt hat, dem gegenüber sollte ich das Versprechen halten, damit er nicht am Ende als der "Gelackte" dasteht.